Tattva Viveka Magazin
 

Von Gott und der Welt

Von Gott und der Welt

Hat das Christentum heute noch Relevanz?

Autor: Tilmann Haberer
Kategorie: Christentum
Ausgabe Nr: 93

Der Autor ist evangelischer Pfarrer und liefert mit seinem Beitrag das dringend notwendige Update für das Christentum. Missbrauchsfälle und prärationale Glaubensinhalte machen das Christentum zu einem Auslaufmodell. Aber es gibt ein anderes Verständnis: das integrale Christentum und den Kosmischen Christus. Damit können wir unsere angestammte europäische Tradition neu beleben und mit den Erkenntnissen der Postmoderne in Einklang bringen.

Hat das Christentum heute noch Relevanz?

Das Christentum mit seinen großen Narrativen hat einen schweren Stand in der zeitgenössischen Kultur und in der spirituellen Szene der Gegenwart. Mit gutem Grund. Die Kirchen sind in erklecklichem Ausmaß selbst schuld an ihrem üblen Leumund. Sie erscheinen rückständig, verknöchert und teilweise reaktionär. Da kommen etwa seit einigen Jahren unerhörte Missbrauchsgeschichten ans Licht, und die Verantwortlichen, bis hin zu einem ehemaligen Papst, schaffen es nicht, eigene Schuld und eigenes Versagen einzugestehen und öffentlich um Vergebung zu bitten – und das in einer Institution, die angeblich aus der Botschaft von der Vergebung lebt. Da unterstützt das Oberhaupt der Russisch-Orthodoxen Kirche, der Patriarch von Moskau, den Angriffskrieg Wladimir Putins gegen die Ukraine, und als Begründung muss nicht nur die angeblich gottgegebene Größe der russischen Nation herhalten. Der Kirchenfürst behauptet auch, diese russische Nation müsse sich gegen die »westlichen Werte« verteidigen, worunter zum Beispiel Feminismus zu verstehen ist oder die Anerkennung von queeren Lebensentwürfen. Und auf den beiden amerikanischen Kontinenten zählen evangelikale Christen zu den loyalsten Unterstützern der autokratischen Populisten Donald Trump und Jair Bolsonaro.

Auch auf dem Gebiet der Spiritualität schneidet das Christentum nicht gut ab.

Wer in Westeuropa nach spiritueller Erfahrung sucht, wird mit ziemlicher Sicherheit nicht bei den Hüterinnen der christlichen Tradition, den Kirchen, anklopfen.

Weltfern, lebensfremd erscheinen die christlichen Institutionen der großen Mehrheit der Bevölkerung. Die wenigen Ausnahmen wie David Steindl-Rast, Willigis Jäger, Cynthia Bourgeault oder Richard Rohr scheinen diese Regel eher noch zu bestätigen. Und die christlichen Lehren, von der Schöpfungsgeschichte über die Wundererzählungen der Bibel bis hin zur Botschaft vom Leben nach dem Tod, locken kaum noch jemanden hinter dem Ofen hervor. Jedes Kind weiß heute, dass die Welt nicht in sieben Tagen erschaffen wurde, sondern sich durch Urknall und Evolution entwickelt hat. Und an ein Leben nach dem Tod glaubt heute kaum noch jemand – und wenn, dann in Gestalt von Reinkarnation und Karma-Lehre.

Man könnte also durchaus zu dem Schluss kommen, das Christentum habe ausgedient und gehöre auf den Müllhaufen der Geschichte, und es sei darum auch gar nicht schade. Zu viel Schuld haben die Kirchen auf sich geladen (von Kreuzzügen, Waffensegnungen und Hexenverbrennungen war noch gar nicht die Rede), zu wenig hilfreich und glaubwürdig wirken Glaubensinhalte und Lehraussagen.

Von Gott und der Welt

Daran gibt es nichts zu deuteln. Und doch ist das nicht das ganze Bild. Was in diesem Bild fehlt, ist die Möglichkeit, dass die Glaubensinhalte und Grundaussagen der christlichen Tradition auch anders interpretiert werden können. So wie Naturwissenschaft und Medizin heute nicht mehr auf dem Niveau der mittelalterlichen Alchemie betrieben werden, lassen sich auch die Aussagen der christlichen Tradition auf moderne, postmoderne oder metamoderne Weise verstehen – mit möglicherweise überraschenden Ergebnissen. Lassen wir also an dieser Stelle die Dekonstruktion sein (obwohl es wahrlich noch viel zu dekonstruieren gäbe) und machen uns an den Versuch einer Rekonstruktion.

Wohlgemerkt: Es geht mir in diesem Artikel nicht darum, die Kirche zu verteidigen, ebenso wenig aber möchte ich sie nun weiter bashen.

Es geht mir um die Frage, welche spirituelle und auch lebenspraktische Kraft die christliche Tradition entfalten kann, wenn sie aus dem traditionellen, vormodernen Korsett befreit wird,

in dem sie nach der Erfahrung vieler Zeitgenossen steckt.

Wer aber sollte ein solches Update der Tradition vornehmen, wenn nicht die Kirche – oder Kirchenleute – selbst? Der amerikanische Philosoph Ken Wilber, manchmal als »Einstein der Bewusstseinsforschung« bezeichnet, ist der Ansicht, den tradierten Religionen komme genau diese Aufgabe zu: Sie selbst müssten ihre Traditionen in postmoderne oder integrale Begriffe und Denkstrukturen überführen, statt sich gegenüber dem zeitgenössischen Weltbild in einer Wagenburg traditioneller Glaubenssätze zu verschanzen. Wer, wenn nicht sie, hätte die Deutungshoheit über die jeweilige Tradition? Wer, wenn nicht die Kirche, könnte etwa Aussagen der Bibel in die Gegenwart holen, sodass sie, von den Schlacken des antiken und mittelalterlichen Denkens und Empfindens befreit, der Gegenwart etwas Substanzielles zu sagen hätten? So möchte ich hier den Versuch unternehmen, einige der Grundideen des christlichen Glaubens in Sprache und Denkstrukturen des 21. Jahrhunderts zu formulieren.

Dies sind Ausschnitte aus dem Artikel.

Wer oder was ist Gott? Und was versteht man unter dem Begriff des »Kosmischen Christus«? Darauf geht der Autor im weiteren Verlauf des vollständigen Artikels ein, der in Tattva Viveka 93 erschienen ist. Auch einzeln zum downloaden als ePaper für 2,00 € (Pdf, 10 Seiten).

Von Gott und der Welt (PDF)

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Tilmann Haberer
Von Gott und der Welt

Der Autor ist evangelischer Pfarrer und liefert mit seinem Beitrag das dringend notwendige Update für das Christentum.
 

 

Artikelnummer: TV093e_09 Kategorie: Schlagwort:

 
 

Über den Autor

Unser Autor Tilmann Haberer

Tilmann Haberer ist emeritierter evangelischer Pfarrer, Gestaltseelsorger und systemischer Berater und war zuletzt in der ökumenischen Krisen- und Lebensberatungsstelle »Münchner Insel« tätig. Seit mehr als 15 Jahren beschäftigt er sich mit der integralen Theorie. Mit Marion und Tiki Küstenmacher hat er 2010 das Buch »Gott 9.0. Wohin unsere Gesellschaft spirituell wachsen wird« veröffentlicht. Sein neues Buch »Von der Anmut der Welt« formuliert die christliche Theologie im Rahmen der integralen Weltsicht.

Webseite: tilmann-haberer.de

1 Comment
  • Uma Sybil Reith
    Aktualisiert am 18:48h, 01 Februar Antworten

    Bei Zeitreife entstehen Perspektivenwechsel,
    in jedem Individuum,
    und auch in jeder Gesellschaft kann ich das klar erkennen.

    In meiner Schulzeit,wunderte ich mich zutiefst,warum ich als
    “erwischterTäter” immer allein da stand und meine Klassenkameraden meist verdufteten’…
    bald kriegte ich heraus,dass es hier zumeist um”Christen’ handelte,
    Äegal,ob katholisch oder evangelisch .Wobei die katholischen Kollegen besser sehr brav erscheinen wollten,
    koste es,was es wolle.
    Nach erster Verwirrung studierte ich fortan dieses Phänomen der so zwingend eingenommenenUnschuldspositionen……
    Im Laufe meiner philosophisch,religiösen,literarischen Untersuchungen entdeckte ich Welt,Mensch und mich Sselbst,
    ‘Ruach’,Heiliger Geist,Krishna,
    erschlossen mir dann den Zusammenhang…….
    JESUS verkörperte nun zu 100% AdvIta.
    Vollständig unabhängig von jeder Religion.Deren Vertreter drehten dies alles um 180 Grad!
    “WERLCH EIN ILLTUM”hätte ErnstJandel Sagen können……
    Jetzt darf ein Jeder selber forschen.und siehe,das ist gut.
    Und es ist Zeit!!!!Für so schöne Begriffe wie ‘beherzt’….auf eigenen Beinen….zur Übergabe unserer mentalen vernetzten Museen uns einfinden.ganz all-ein.
    Ungetrennt von allen Wesen.
    Selbst Päpsten und Päpstinnen…..
    Eine tolle Reise nach außerhalb der Form……

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