Die gesellschaftliche Akzeptanz von Achtsamkeit und Spiritualität Teil 2

Die gesellschaftliche Akzeptanz von Achtsamkeit und Spiritualität Teil 2

Ein Abbild des Bewusstseinsstandes der gegenwärtigen Gesellschaft

Autor: Prof. Dr. Niko Kohls
Kategorie: Bewusstsein
Ausgabe Nr: 97

Die moderne Welt leidet unter dem Bruch zwischen Materialismus und Idealismus. Die Wissenschaft versucht, das Leben empirisch-materiell zu erklären. Der Medizinpsychologe Kohls bezweifelt jedoch, dass ein modernes, moralisch-ethisches System ohne eine transzendente Dimension auskommt. Wie man als Idealist Empathie äußert, ohne ins Burn-out zu gelangen, ist ebenfalls eine spirituelle Fähigkeit. Mitgefühl und Resilienz sind »future skills« einer neuen Gesellschaft.

Tattva Viveka: Die bisherige Wissenschaft stellte stark den materiellen und den objektiv-messbaren Aspekt in den Vordergrund. Auch du meintest, dass es in der Psychologie historisch eine Einseitigkeit, eine Schlagseite gebe. Ich denke, dass es – wenn wir es wohlwollend betrachten – gut war, viele Fragen und Forschungsbereiche zu kartografieren und sich einen Überblick zu verschaffen. Nun fehlt aber die andere Seite, und wir leiden darunter. Um mit Symptomen wie Burn-out, Sinnkrise, Depressionen klarzukommen, brauchen wir Resilienz – ein zentraler Begriff in deinem Buch[1]. Würdest du sagen, dass es an der Zeit ist, diese sogenannten weichen Faktoren stärker in das Blickfeld zu rücken? Spiritualität und Resilienz sind, denke ich, gut miteinander zu verbinden. Was ist Resilienz und wo geht es für uns hin?

Kohls: Ich glaube, dass es für Menschen wichtig ist, ein Ziel im Blick zu haben und mit dem Ziel kongruente Werte zu haben. In der modernen westlichen Gesellschaft haben wir ein großes Werteproblem, und dieses sorgt für eine große Sinnkrise.

Der Materialismus allein reicht nicht aus, um den Menschen einen Sinn zu geben.

Dafür braucht man sich nur die Entwicklung ansehen. Ich habe mich mit der Geschichte intensiver auseinandergesetzt. Ein detaillierter Blick ins 19. Jahrhundert lohnt sich, um zu sehen, was geschehen ist.

Im 19. Jahrhundert schreitet die Professionalisierung der Wissenschaft immens schnell voran und die Ausdifferenzierung der Fachdisziplinen tritt ein. Die Naturwissenschaften, allen voran die Physik und die Chemie, machen riesige Erkenntnisfortschritte. Gleichzeitig ist noch ein großer religiöser Bezugsrahmen vorhanden, der den Forschungsdrang der Wissenschaft (so wie immer zuvor) ein Stück weit erschwert.

Die Wissenschaft wurde von der Religion immer sanktioniert oder zu verhindern versucht, um das religiöse Weltbild, das auch das Herrschaftssystem etabliert hat, nicht umzustürzen.

Interessanterweise gibt es im 19. Jahrhundert zwei Entwicklungen: Die eine ist der philosophische Materialismus, die andere der spiritistische Idealismus. In einem Jahr ist all das ineinander geronnen und konvergiert, sozusagen ein Konvergenzjahr, und das war das Jahr 1848.

Warum? Einerseits schreiben Marx und Engels das Kommunistische Manifest. So heißt es in dem Kampflied der sozialistischen Arbeiterbewegung: »Es rettet uns kein höh’res Wesen, kein Gott, kein Kaiser noch Tribun. Uns aus dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun!« Die dahinterliegende Idee ist, dass es zwar keine transzendente Dimension, also keinen Gott mehr gibt, dass aber die Menschen hier auf Erden das Paradies erzielen könnten, wenn sie sich zu einer einträchtigen Gesellschaft von Brüdern und Schwestern entwickeln würden. Dazu ist es notwendig, dass wir internationale Solidarität entwickeln. Im Grunde werden die Partitionierung der Welt durch die Nationalstaaten und die gesellschaftlichen Klassen infrage gestellt. John Lennon griff das später in seinem berühmten Song »Imagine« auf. Wir müssen uns als eine Einheit begreifen, die sich im Diesseits vereint und deswegen keine Transzendenz braucht.

Auf der anderen Seite setzt im gleichen Jahr die große Bewegung des Spiritismus ein. Diese verfolgt die Idee, dass die Verstorbenen und andere Wesen der jenseitigen Welt über begabte Medien und geeignete Methoden mit der diesseitigen Welt kommunizieren können. Bezeichnenderweise fängt das auch im Jahr 1848 in der Nähe von New York an.

Ein Abbild des Bewusstseinsstandes der gegenwärtigen Gesellschaft

Es beginnt mit den bekannten Fox-Schwestern. Diese jungen Frauen berichteten, dass in ihren Wänden intelligente Klopfgeräusche zu hören seien, die ähnlich wie ein Morsealphabet dechiffriert werden könnten. Die Schwestern entwickelten die Idee, dass die Verstorbenen mit ihnen so kommunizieren könnten. Das erregte viel Aufsehen, obwohl die Schwestern später ihren Schwindel zugaben. Interessanterweise spielt ein technologisches Narrativ eine große Rolle, denn sechs bis sieben Jahre zuvor wurde das große Telegrafenkabel zwischen der neuen und der alten Welt gelegt, und so konnte man zwischen zwei räumlich weit getrennten Kontinenten kommunizieren. Das war praktisch der Vorläufer des Internets, und man konnte über Klopfgeräusche, über Morsen, über Telegrafie Mitteilungen versenden. Daraus entsprang die Idee, wenn das technologisch zwischen Menschen funktioniert, müsste das auch mit dem Jenseits möglich sein. Später kam der Computer als Metapher für die Erklärung von Bewusstseinsfunktionen auf. Ich finde es sehr spannend, dass wir scheinbar immer technologische Narrative brauchen, um Bewusstsein zu erklären, denn das Bewusstsein brachte den Telegrafen, den Computer und das Internet hervor.

Aus dieser Telegrafenidee entstand die große Bewegung des Spiritismus – die Annahme, dass so vermeintliche Jenseits-Kontakte hergestellt werden können. Bis in die 1920er/1930er-Jahre durchlief die Bewegung unterschiedliche Wellen. Wilhelm Wundt, der Begründer der akademischen Psychologie in Deutschland, setzte sich stark damit auseinander. Er errichtete in Leipzig 1879 das erste experimentalpsychologische Laboratorium an einer deutschen Universität, um die Psychologie als moderne Naturwissenschaft zu etablieren. Er war dort aber von Spiritisten und Okkultisten umgeben, die eine völlig andere Erklärung für das Bewusstsein hatten. Wundt stellte sich dem, indem er standhaft proklamierte: Ich bin nicht bereit, dieses Jenseits-Kommunikationsparadigma zu glauben, denn in diesem Falle wäre klar, dass die Psychologie mit einer Bewusstseinskonzeption in Verbindung stünde, die nicht empirisch-modernistisch getragen würde, sondern ein metaphysisches Substrat hätte.

Dies ist nur der Anfang des Artikels.

Wie Spiritismus mit dem Materialismus zusammenhängt und welche Rolle bei dem Ganzen die Resilienz spielt, erfährst du im vollständigen Artikel, der in Tattva Viveka 97 erschienen ist.

Den ersten Teil des Beitrags findest Du hier.

Tattva Viveka 97

Tattva Viveka Nr. 97

Inhalt der Ausgabe

Schwerpunkt: Trauma und Heilung
Erschienen: Dezember 2023

Gabor Maté – Vom Mythos des Normalen • Thomas Hübl – Trauma reduziert unsere Beziehungsfähigkeit. Adäquate Beziehung als Mittel zur Heilung von individuellem und kollektivem Trauma • Lea Loeschmann – Körperloses Bewusstsein kann nicht sterben. Von der Rückgewinnung des Urvertrauens ins Leben • Ronald Engert – Trauma und Heilung. Wie man an der Ursache ansetzt und nachhaltig heilt • Gabriella Rist – Wie Traumaheilung durch Neurophilosophie und Körperpsychotherapie gelingen kann. Die Suche nach dem wahren Selbst • Saskia John – »Erste-Hilfe-Koffer« bei Angst und Panik. Fünf wirksame Tipps zur Sofortmaßnahme • Prof. Dr. Niko Kohls – Die gesellschaftliche Akzeptanz von Achtsamkeit und Spiritualität. Ein Abbild des Bewusstseinsstandes der gegenwärtigen Gesellschaft Teil 2 • Sarah Rubal – Die Heimkehr der Göttin. Unsere mythische Heldinnenreise (Teil 1) • Christiane Krieg – Dein spiritueller Wegweiser durch die Raunächte. Öffne dich für deine Herzensvision • Martin Auffarth – Atem der Welt. Das Vaterunser in der aramäischen Muttersprache von Jesus • u.v.m.

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Zum Interviewten

Der Autor Dr. Niko Kohls

Der Medizinpsychologe Prof. Dr. Niko Kohls beschäftigt sich seit mehr als 30 Jahren wissenschaftlich mit Achtsamkeit, Spiritualität und ihrem Zusammenhang mit Selbstregulationsfähigkeit, Resilienz und Gesundheit. Seit 2013 ist der gebürtige Münchner an der Hochschule Coburg als Professor für Gesundheitswissenschaften mit dem Schwerpunkt Gesundheitsförderung tätig. Im Sommer 2022 ist sein Buch Mehr Lebensfreude durch Achtsamkeit und Resilienz – Gelassener und stärker durch die richtige Balance erschienen. Niko Kohls unterrichtet seit über 25 Jahren als Dozent an Universitäten und Hochschulen, hat mehr als 100 wissenschaftliche Publikationen verfasst sowie mittlerweile über 500 Keynotes, Vorträge, Seminare und Workshops für Schulen, Hochschulen und Unternehmen abgehalten.

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