Transpersonales Selbst

Transpersonales Selbst

Innere Weisheit und die Sehnsucht nach Befreiung

Autor: Dr. Sylvester Walch
Kategorie: Psychologie
Ausgabe Nr: 87

Für die spirituellen Traditionen und die transpersonale Psychologie sind wir weit mehr als das persönlich-individuelle Selbst, das sich im Laufe des Lebens kontinuierlich herausgebildet hat. Dieses kosmische Selbst geht über den begrenzten Horizont unserer individuellen Persönlichkeit hinaus, es ist transpersonal und verbindet uns mit dem großen Mysterium. Dabei können uns bewusstseinserweiternde Praktiken wie Meditation und Holotropes Atmen unterstützen, den Zugang zu unserer Inneren Weisheit zu finden und zu pflegen.

Der Mensch kann in seiner Entwicklung darauf bauen, geführt zu werden, wenn er auf seine innere Stimme hört. Sie greift tiefer, als wir begreifen können, und sie umfasst mehr, als wir uns vorstellen können. Wir dürfen darauf vertrauen, dass wir das Beste aus unserem Leben machen können, wenn wir diesen »Botschaften des Seins« folgen. Sie sind kreativ, innovativ und transformativ, und wer sich darauf einlässt, fühlt sich lebendiger, wahrhaftiger und mehr im Einklang mit sich und der Welt. Diese innere Führung, die auch als »Selbstführung« bezeichnet werden kann, berücksichtigt nicht nur die vorhandenen Potenziale, sondern bezieht stets auch die äußeren Bedingungen mit ein.

In der Medizin ist es mittlerweile unbestritten, dass »jede Heilung immer und grundsätzlich Selbstheilung ist« (Hüther, 2012, S. 422). Wie effektiv die Selbstheilungskräfte wirken, hängt natürlich immer davon ab, ob der Patient sein Krankheitsgeschehen in einem größeren Sinnzusammenhang versteht, aktiv an seiner Heilung mitwirkt und eine positive Einstellung dem Genesungsprozess gegenüber aufbauen kann. Sobald dem Gehirn, das den komplexen menschlichen Organismus steuert, signalisiert wird, dass etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist, aktiviert es die Selbstheilungskräfte (Hüther, 2012).

Genauso wie der Körper Heilungsprozesse aus sich heraus in Gang setzt, streben auch die Seele und der Geist beständig nach Balance, Wachstum und Verwirklichung.

Die Anschauung, dass es bei Ärzten, Therapeuten und spirituellen Begleiter*innen nur darum geht, ein vertrauensvolles Milieu aufzubauen, in dem Heilung und Entwicklung stattfinden können, wird in alternativen Heilweisen, besonders aber auch in ganzheitlichen bewusstseinserweiternden Wegen beachtet.

Aus diesem élan vital (Bergson, 2013), wie wir diese inneren Ordnungskräfte auch nennen können, entspringt auch jene Quelle von Inspiration und Heilung, auf die sich die Methode des Holotropen Atmens grundlegend bezieht. Eine Innere Weisheit, der wir uns immer und in jeder Situation, vor allem aber auch in tiefgreifenden Heilungsprozessen, anvertrauen können. Schon in einer der ersten Sitzungen mit Stanislav Grof, meinem geschätzten Lehrer, wurde mir dies durch ein Schlüsselerlebnis eindrucksvoll nahegebracht. Eine Gruppenteilnehmerin fiel in einen extremen Zustand. Sie zitterte über Stunden hinweg am ganzen Leib, stieß immer wieder furchtbare Schreie aus und wurde wie von Energiewellen geschüttelt. Gegen ein Uhr nachts, als die anderen Gruppenmitglieder längst den Gruppenraum verlassen hatten und ich alleine mit Stan noch neben ihr saß, verebbten allmählich die Bewegungen, ihr Körper entspannte sich mehr und mehr und plötzlich kehrte tiefer Frieden ein. Stan Grof brachte ihr Tee. Sie trank ihn, lächelte und sagte: »Danke, dass ihr bei mir geblieben seid. Ich bin glücklich und voller Liebe!« Es trat ein, was in Weisheitssprüchen immer wieder treffend zum Ausdruck kommt:

Wenn wir dort, wo wir sind, auch wahrhaftig anwesend sind, stiften wir Frieden.

Wie das Holotrope Atmen zu innerer Weisheit führt, lesen Sie im vollständigen Artikel, den Sie unten bestellen können!

Was prägt unser Selbst?

Das Selbst ist, das sei hier schon erwähnt, jedoch mehr als die Summe seiner internalisierten Erfahrungen, denn schon die frühesten Lebenserfahrungen treffen nicht auf eine Tabula rasa, sondern auf eine innere resonanzfähige Membran, die schon von jeher die auftreffenden Impulse organisiert. Auch in der Hirnforschung (Singer, 2006) spricht man von emergenten Qualitäten eines Selbstorganisationsprozesses, der zu kohärenten Wahrnehmungen und zu koordiniertem Verhalten führt, ähnlich der Chaosforschung (Lucadou, 1995), die von selbst entstehenden Ordnungsprinzipien (dissipativen Strukturen) ausgeht. Der Differenzierungs- und Integrationsprozess, auf dem unsere Individualität aufbaut, beginnt schon lange vor der Geburt. Da der Embryo aber durch die Grenze des Mutterleibes noch einen gewissen Schutz durch die Natur erfährt, ist das Neugeborene, gerade in den ersten Jahren, in denen es noch der Umwelt bedingungslos ausgeliefert ist, äußerst empfänglich und sensibel.

Idealerweise wird ein Kind bedingungslos geliebt und wertgeschätzt, sodass ein stabiles Gefühl für die eigene Person und ihren Wert aufgebaut werden kann.
(Walach, 2000)

Durch frühe Erfahrungen von Gewalt, basale Defizite von Geborgenheit oder chronische Konflikte in der Familie zieht sich das entstehende Selbst zusammen und erzeugt eine vor der bedrohlichen Welt schützende Fassade, eine Scheinpersönlichkeit, hinter die es sich zurückziehen kann. Der innere Boden wird dabei als brüchig und instabil empfunden, sodass man auch in sich selbst keinen Halt finden kann.

Die klinische Psychotherapie weiß, dass schwere psychische Störungen oft auf ein verletztes Selbst zurückgehen.

Wer etwa von seinen Eltern ständig abgewertet wurde, wird vielleicht mit tiefen Ängsten konfrontiert, wenn er Entscheidungen trifft oder seinen eigenen Weg gehen will. Davon betroffene Menschen erfahren sich als vom Leben abgeschnitten, innerlich leer und doch von ständiger Sorge und Angst umgetrieben. Deshalb ist die Fähigkeit, Liebe zu erfahren und zu vermitteln, verkümmert, was den Zustand weiter verschlimmert.

Wie es dennoch zu Heilung kommen kann und welche Rolle das Selbst dabei spielt, erfahren Sie in der vollständigen Version des Artikels. Jetzt unten bestellen.

Das höhere Selbst in dir und in mir

Ein Bewusstsein davon, dass das Göttliche im Menschen repräsentiert ist, hat sich in der Mystik aller großen religiösen Traditionen bewahrt. Im Christentum heißt es: »Das Reich Gottes ist in Dir«, im Buddhismus: »Schau nach innen, Du bist der Buddha«, im Siddha-Yoga: »Gott wohnt in Dir als Du«, im Hinduismus: »Atman (das individuelle Bewusstsein) und Brahman (das universelle Bewusstsein) sind eins«, im Islam: »Wer sich selbst kennt, kennt seinen Herrn«.

In uns selber können wir also diese Ursprungsquelle unserer Identität entdecken, ohne sie jedoch mit unseren herkömmlichen Begriffen und Konzepten zureichend erfassen zu können. Erfahrbar ist sie jedoch an den Erscheinungsweisen ihrer unmittelbaren Präsenz, sei es als Erleben eines inneren Lichts, als Gewahrsein einer umfassenden Verbundenheit oder als überströmende Gnadenfülle. Es ist die vibrierende Energie, die den Menschen in außergewöhnlichen Augenblicken durchrieselt, der Glanz in den Augen, die elektrisierende Berührung und das Licht hinter dem Herzen. Es ist wie ein inneres Lächeln voller Güte und Liebe, das durch alles hindurchscheint.

Das universale Selbst leuchtet unaufhörlich in allen Lebewesen, in der Natur und im Kosmos, in unterschiedlichen Formen und Farben.

Jeder erlebt es anders, und es ist trotzdem wie aus einem Stoff. Wer es in sich erlebt, erkennt es plötzlich nicht mehr nur als eigenen Kern, sondern auch in jedem Menschen, überall wo man hinsieht. Einmal erlebte ich mich in der Meditation wie von einem blau leuchtenden Lichtkegel eingehüllt, der sich dann zu einer winzigen Perle zusammenzog. Danach sah ich die Weltkugel von außen und alle Menschen durch ein lilafarbenes Band verbunden.

Das universale Selbst ist innerhalb und jenseits der Mannigfaltigkeit des Lebens, alles durchpulsend. Es scheint weder geboren, noch scheint es sterblich, es umfasst Vergängliches und Ewiges, Endliches und Unendliches. Für Muktananda (1987, S. 41), der sich auf die Upanischaden stützt, wohnt es für immer im Herzen aller Menschen, »[…] kleiner als das Kleinste und größer als das Größte«. Das höhere Selbst aktualisiert sich im zeitlosen Licht, das in jedem Teilchen existiert, im Om, das in jeder Zelle vibriert, im Heiligen Geist, der alles durchdringt. Das Selbst, als Zentrum des Individuums, ist untrennbar mit der kosmischen Ordnung verknüpft.

Universale ist, wie in einem Hologramm, in uns eingefaltet,

sodass unser tiefstes Inneres stets mit dem Grenzenlosen und Formlosen verbunden ist. Das personale Selbst ist in ihm aufgehoben, in einem doppelten Sinne, sowohl eingebettet als auch überschritten. Über sein Innerstes kommuniziert das Individuum mit der Totalität des All-Einen. An dieser Schnittstelle sind die Weisheiten und Schlüssel des Lebens zu finden. Diese Innere Weisheit ist immer für uns da, kräftigend, inspirierend und heilend, in guten und in schlechten Tagen. Sie weiß mehr, als wir wissen können, und sie greift tiefer, als wir begreifen können. Wer beispielsweise eine schwierige Aufgabe vor sich hat, in einer Krise steckt oder eine existenzielle Frage zu beantworten hat, kann mit dieser Quelle bewusst in Verbindung treten, um Hilfe zu erlangen.

Wie Meditation zur Transzendierung der Persönlichkeit beitragen kann, verrät der Autor im vollständigen Artikel. Am Ende des Beitrags können Sie diesen bestellen!

Der Weg des Suchenden

Unterschiedliche Psychotherapierichtungen, spirituelle Schulen und auch die Hirnforschung gehen also davon aus, dass im Menschen ein grundlegender Impuls zur äußeren wie inneren Entwicklung angelegt ist. Interessanterweise sind es oft Nebensächlichkeiten oder zufällige Begegnungen, die den letzten Ausschlag dazu geben, welchen Weg suchende Menschen dann einschlagen. So wurde mir ein Platz in einer Selbsterfahrungsgruppe bei Stanislav Grof dadurch unerwarteterweise ermöglicht, dass ich mit einer mir unbekannten Frau, die kurzfristig ihre Teilnahme an diesem Seminar absagen musste, am Mittagstisch zusammensaß. Was nach dem früher schon erwähnten eindrucksvollen Erlebnis des zufälligen Besuches des Vortrags von Stanislav Grof in Salzburg auf den Weg gebracht wurde, fand durch diese Begegnung ihre Konkretisierung. Neben diesen synchronistischen Manifestationen impliziter Motive spielen selbstverständlich auch bewusste Intentionen und Entscheidungen eine wichtige Rolle, wann und wie sich jemand für einen Weg zur Ganzheit entscheidet.

Wenn sich Menschen für Psychotherapie, Selbsterforschungsgruppen oder spirituelle Wege interessieren und berichten, welche Anliegen sie damit verbinden, lassen sich dabei drei Aspekte unterscheiden. Ein wichtiges Motiv ist der Wunsch nach Heilung. Viele Menschen haben sehr belastende Erfahrungen in ihrem Leben zu durchleiden gehabt. Verbal orientierte und biografisch angelegte Psychotherapie haben in der Regel nicht den gewünschten Erfolg gebracht. Die Sehnsucht nach tiefer gehenden, körperbetonten und umfassenderen Verfahren ebnete häufig den Weg, sich auf veränderte Bewusstseinszustände einzulassen.

Sich selbst besser kennenzulernen und herauszufinden, was in meinem Inneren vor sich geht, weshalb ich so und nicht anders bin, wodurch meine Gefühle und meine Handlungen beeinflusst werden, ist genauso von hoher Bedeutung. Aber auch junge Menschen, deren Identität sich allmählich herausbildet, haben ein großes Interesse daran, mehr von sich selbst zu erfahren. Sie spüren in ihrem tiefsten Inneren, dass unser Bewusstsein und unsere Seele weiter und tiefer sind und von mehr, als wir selbst von uns wahrnehmen können, getragen ist. Erst wenn uns Einblicke in unser gesamtes Wesen zugänglich werden, ist es möglich, gesundes Selbstvertrauen zu gewinnen, die eigene Persönlichkeit selbstbestimmt zu entfalten und unsere geistigen Ressourcen zu nützen.

Ein weiteres wichtiges Anliegen, weshalb sich Menschen auf veränderte Bewusstseinszustände einlassen, ist, einen Weg der Befreiung, der frei von Konventionen und Tabus ist, zu gehen. Da diese Form der Bewusstseinsarbeit gleichermaßen psychotherapeutische wie spirituelle Prozesse initiiert und integriert, werden umfassende und nachhaltige Selbstverwirklichungsschritte ermöglicht. Darüber hinaus werden spirituelle Erfahrungen, wie Einheitserlebnisse, überströmende Gefühle von Liebe und Mitgefühl sowie ein Zustand universaler Verbundenheit zugänglich. Sie bilden das Fundament, auf dem eine spirituelle Übungspraxis aufgebaut werden kann. Deshalb ist eine weitere Intention, solche Seminare zu besuchen, ein spirituelles Leben führen zu wollen. Damit verbunden ist aber der Wunsch nach einer Spiritualität, die leicht praktizierbar und möglichst frei von Dogmen und Glaubenssätzen ist. Wer intensive psychotherapeutische Heilungsprozesse, die durch ausdrucksstarke Körperarbeit unterstützt werden, mit öffnenden spirituellen Erlebnissen verbinden möchte, wird in der transpersonalen Psychologie und im Holotropen Atmen in seinem Anliegen unterstützt.

Dies sind Ausschnitte aus dem Artikel.

Erfahren Sie mehr darüber, wie die transpersonale Psychologie das Selbst sieht.

Lesen Sie die vollständige Fassung in Tattva Viveka 87 oder downloaden Sie diesen Artikel einzeln als ePaper für 2,00 € als ePaper erhältlich (Pdf, 10 Seiten).

Transpersonales Selbst

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Dr. Sylvester Walch
Transpersonales Selbst
Innere Weisheit und die Sehnsucht nach Befreiung

Für die spirituellen Traditionen und die transpersonale Psychologie sind wir weit mehr als das persönlich-individuelle Selbst, das sich im Laufe des Lebens kontinuierlich herausgebildet hat. Dieses kosmische Selbst geht über den begrenzten Horizont unserer individuellen Persönlichkeit hinaus, es ist transpersonal und verbindet uns mit dem großen Mysterium.
Dabei können uns bewusstseinserweiternde Praktiken wie Meditation und Holotropes Atmen unterstützen, den Zugang zu unserer Inneren Weisheit zu finden und zu pflegen.

 


 

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Über den Autor

Unser Autor Dr. Sylvester Walch

Sylvester Walch, Dr. phil., geb. 1950, ist Ausbilder für Psychotherapie. Seit mehr als 25 Jahren verbindet er in seiner Arbeit Psychotherapie und Spiritualität. Er ist Gesamtleiter der Curricula für Transpersonale Psychologie, Holotropes Atmen und körperorientierte Verfahren.

www.walchnet.de

Weitere Artikel zum Thema

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