Körperloses Bewusstsein kann nicht sterben

Körperloses Bewusstsein kann nicht sterben

Von der Rückgewinnung des Urvertrauens ins Leben

Autor: Lea Loeschmann
Kategorie: Psychologie
Ausgabe Nr: 97

Als Betroffene hat sich Lea Loeschmann schon früh mit Therapieverfahren der Psyche auseinandergesetzt. Heute ist sie eine erfahrene Therapierte und Therapierende und hilft mit ihrer selbst entwickelten Methode »The Moment Experience« den Menschen, sich von den emotionalen Folgen der Traumata zu befreien.

Tattva Viveka: Lea, du bist Psychotherapeutin, Heilpraktikerin und seit sehr langer Zeit auf dem spirituellen Weg. Wir haben uns hier in Berlin im Park kennengelernt und vertieften uns gleich in sehr spirituelle und philosophische Gespräche.

Das Thema Trauma ist eines deiner Hauptthemen. Du bietest Traumatherapie an und hast einen eigenen Ansatz entwickelt, der eine Kombination aus Psychotherapie und Spiritualität ist. Es geht darum, wie Verletzungen, die in der Kindheit entstanden sind, Verhaltensweisen auslösen, die uns ins Erwachsenenleben begleiten und die wir nicht so einfach loswerden können.

Ich würde dich erst einmal bitten, uns deinen Werdegang zu schildern. Welche spirituellen Erfahrungen hast du gemacht? Und was hast du für Ausbildungen in deiner therapeutischen Arbeit?

Lea Loeschmann: Ich stamme aus einer Großfamilie, die immer weiter gewachsen ist. Ich bin die Zweitälteste. Es war eine der sehr frühen Patchworkfamilien mit Scheidungen, viel Drama, viel Chaos. Ich hatte kein wirkliches Gefühl für mich. Ich fühlte mich depressiv und abgetrennt. Deshalb habe ich schon im Alter von 21 Jahren angefangen, Therapie zu machen.

Die Gestalttherapie arbeitet mit dem Moment. Es geht nicht darum, die Vergangenheit zu verändern, weil sie ja vorbei ist. Ebenso wenig geht es darum, sich auf die eigene Zukunft zu fokussieren, sondern darum, dass wir uns bewusst

im Hier und Jetzt befinden, um in diesem Moment an unsere Blockaden heranzukommen. Wenn wir im Jetzt die Gefühle erreichen können, können wir sie auch auflösen.

Ich machte die Ausbildung zur Gestalttherapeutin im Therapeutischen Institut für integrative Gestalt- und Körpertherapie (TIB) in Berlin. Damit fing auch mein buddhistischer Weg an. Eine wichtige Qualität eines Therapeuten ist es, dass er bei sich bleibt und sich nicht in dem anderen verliert. Das lernt man in der Meditation.

Ich bin dabei auf das »Dzogchen« gestoßen, den mystischen Kern des Buddhismus. James Low war mein wichtigster Lehrer. Ich erlebte tatsächlich auch erst sekundenweise und später über längere Zeit das Gefühl des Erwachens. Das bewirkte eine große Veränderung in mir, weil ich in diesem Moment völlig frei von Angst und Zweifeln war, ich fühlte mich angekommen im Hier und Jetzt. Ich stellte mich nicht mehr infrage, führte keine negativen Selbstgespräche mehr und erlebte eine Entspannung, die ich vorher überhaupt nicht gekannt hatte.

Natürlich, wenn ich dann aus den Retreats zurückkam und der Alltag wieder zuschlug, merkte ich, dass die alten Blockaden eigentlich alle noch da waren und dass sie immer noch leicht anzutriggern waren. Aber ich nahm eine andere Perspektive ein, weil ich erlebte, dass ich zutiefst geborgen bin und es nichts gibt, was ich fürchten muss. Was also triggert unsere Angst?

Die Gefühle, die ich als Kleinkind und bei meiner Geburt nicht ertragen konnte und die nicht aufgelöst werden konnten, musste ich verdrängen. Das ist das Wesen der Angst.

Die Angst wird immer mehr, je mehr Gefühle wir verdrängen, nicht ertragen und nicht zulassen können.

Oft wissen wir das gar nicht und dann kommt im Laufe des Lebens einfach eine riesige Erschöpfung.

Ich habe mit der Gestalttherapie, mit diesem Vertrauen, dass wir die Heilung in der Gegenwart erreichen können, eine Methode entwickelt, die tief bis zur Geburt geht und die ersten Angsteffekte, also dieses erste Trauma auflöst. Danach bearbeitet man die weiteren Verletzungen, die sich eigentlich aus diesem ersten Trauma ergeben, weil man in bestimmten Situationen immer das alte Muster anwendet.

Von der Rückgewinnung des Urvertrauens ins Leben

TV: Wie sieht die Psychologie die Entwicklung des Menschen? Wir sind ja zunächst Kinder. Wir kommen gesund auf die Welt und dann passieren Dinge in unserem Leben, wie Gewalt, die uns beeinflussen. Du sprichst da von einer Angstmatrix, wie diese uns in Bann hält und wie wir von uns getrennt werden.

Lea: Gehen wir davon aus, dass wir allumfassendes Bewusstsein sind, das alles durchdringt.

Körperloses Bewusstsein kann nicht sterben,

unser Wesenskern ist unverletzbar. Wenn wir aber auf die Welt kommen, gehen wir in ein anderes Experiment. Wir kommen aus dem Tao, wie es oft genannt wird, hinein in dieses Feld von Yin und Yang: Wir haben Gut und Böse, Tag und Nacht, stark und schwach. Wir sind in einer Dualität auf dieser Welt und das können wir nicht ändern.

Wir kommen im Mutterleib an. Dann entwickeln sich unser Körper, unsere Sinne, das Nervensystem und so weiter und unsere Hormone, wie zum Beispiel Adrenalin und Cortisol.

Es ist ein ganz intensives Erlebnis, in dieser Welt anzukommen.

Unsere Angst entsteht oft schon im Mutterleib, bei der Geburt oder in den ersten Lebensjahren, weil wir als »Frühchen« geboren werden. Menschenkinder müssen so lange versorgt werden wie kein anderes Wesen auf diesem Planeten. Wir sind so unglaublich abhängig von dem, wie unsere Eltern uns sehen, wie unser Umfeld uns sieht, wie wir versorgt werden, wie wir gespiegelt werden, dass es ganz leicht ist, die Überlebensängste zu triggern.

Freud sagte, dass sich der erste Angsteffekt in jeder Angst wiederholt, die wir danach erleben.

Das Interview führte Ronald Engert.

Dies ist nur der Anfang des Artikels.

Neben den Geburtsvorgang erleben einige bereits in ihrer frühen Kindheit traumatische Ereignisse, die psychologische Dysfunktionalitäten oder Probleme verursachen. Wie diese miteinander zusammenhängen und sich nachhaltig auflösen lassen, erfährst du im vollständigen Artikel, der in Tattva Viveka 97 erschienen ist.

Tattva Viveka 97

Tattva Viveka Nr. 97

Inhalt der Ausgabe

Schwerpunkt: Trauma und Heilung
Erschienen: Dezember 2023

Gabor Maté – Vom Mythos des Normalen • Thomas Hübl – Trauma reduziert unsere Beziehungsfähigkeit. Adäquate Beziehung als Mittel zur Heilung von individuellem und kollektivem Trauma • Lea Loeschmann – Körperloses Bewusstsein kann nicht sterben. Von der Rückgewinnung des Urvertrauens ins Leben • Ronald Engert – Trauma und Heilung. Wie man an der Ursache ansetzt und nachhaltig heilt • Gabriella Rist – Wie Traumaheilung durch Neurophilosophie und Körperpsychotherapie gelingen kann. Die Suche nach dem wahren Selbst • Saskia John – »Erste-Hilfe-Koffer« bei Angst und Panik. Fünf wirksame Tipps zur Sofortmaßnahme • Prof. Dr. Niko Kohls – Die gesellschaftliche Akzeptanz von Achtsamkeit und Spiritualität. Ein Abbild des Bewusstseinsstandes der gegenwärtigen Gesellschaft Teil 2 • Sarah Rubal – Die Heimkehr der Göttin. Unsere mythische Heldinnenreise (Teil 1) • Christiane Krieg – Dein spiritueller Wegweiser durch die Raunächte. Öffne dich für deine Herzensvision • Martin Auffarth – Atem der Welt. Das Vaterunser in der aramäischen Muttersprache von Jesus • u.v.m.

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Zum Interviewten

Lea Loeschmann

Seit 40 Jahren erforscht Lea Loeschmann das Bewusstsein und das Unterbewusstsein, um im Flow anzukommen und innere Blockaden und Widerstände aufzulösen. Mit »The Moment Experience« behandelt sie Urverletzungen, entlädt verdrängte Gefühle und entlastet die Angstmatrix.

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